tucson 04Noch immer umweht die alte Westernstadt ein Hauch von Abenteuer. Eingerahmt von kargen Bergen und stachligen Kakteen, liegt sie in einer großflächigen Ebene. Eine Kulisse, wie man sie aus alten Filmen über Wyatt Earp und Doc Holliday kennt. Doch Tucson ist längst kein Wildwest-Nest mehr sondern ein begehrtes Revier für Golfer, mit Plätzen der besonderen Art. 

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„Guck dir mal die Kakteen an, die sind ja total durchlöchert!“

Mein Flightpartner ist genauso beeindruckt wie ich. Seitlich der Fairways des La Paloma Golf-Kurses stehen mächtige, über 10 Meter hohe Saguaros. Viele von ihnen haben Löcher und in einigen stecken sogar Golfbälle. Ein ungewöhnliches Bild. Hier haben wohl einige Spieler ein sichtbares Zeichen gesetzt, ein Denkmal ihrer Anwesenheit gewissermaßen. Allerdings, so haben wir uns später belehren lassen, stammen die meisten Löcher von Spechten, die mit Vorliebe ihre Höhle in das feuchte Innere der Kakteen bohren. Meistens landen verzogene Golfbälle im Gestrüpp der Sonora-Wüste, wo sie nicht mehr zu finden sind. Zumindest sollte man bei der Suche danach vorsichtig sein. Schilder entlang der Fairways warnen vor „rattlesnakes“. Ja, die Wüste lebt! Nicht nur solch possierliche Tierchen wie Roadrunner, Kaninchen und Kolibris hausen hier, sondern auch Coyoten, Gila Monster und Klapperschlangen. Zwar bekommt man in den seltensten Fällen eines der Viecher zu sehen, doch sollte man einen verlorenen Ball lieber aufgeben, bevor man sich zu tief ins Rough begibt, das hier aus Steppe, Geröll, Felsbrocken, dornigen Sträuchern und über 8.000 Kakteen besteht.

lapalomagolf 01Ein krasser Gegensatz dazu sind die saftig-grünen Fairways und Greens, die diese einzigartige Wüste durchziehen. Und so gelten die begeisterten Ausrufe meiner Mitspieler nicht etwa ihrem golferischen Können, sondern dem Platz, dessen 27 Bahnen sich in sanften Steigungen bis hinauf zu den Catalina-Bergen winden, mitten durch ein Terrain, von dem niemand glaubte, dass hier jemals ein Golfkurs entstehen könnte. Die Kreativität von Jack Nicklaus schuf mit La Paloma einen Meisterschaftsplatz, der als einer der schwersten in Tucson gilt.


Ebenfalls traumhafte Aussichten bietet der El Conquistator-Club. Sunrise- und Sunset-Course lassen keinen Zweifel daran aufkommen, welchen man vorzugsweise morgens und welchen man nachmittags spielen sollte. Jedenfalls, der mexikanische Fligth vor uns, dessen Lobeshymnen bis zu uns schallen, ist offensichtlich ganz begeistert von Platz und Spiel. „Ach was!“ sagt mein Mitspieler, der am Vortag der vierte Mann bei Jesus (mexikanischer Vorname), Pedro und Gonzales war. „Wenn die 6 Schläge haben, zählen sie 5 und schreiben 4. Wird wohl so ‘ne Art Mexican Scramble sein“. 

Diese Zählweise könnte auch im Omni Tucson National Golf Club von Vorteil sein, zumindest auf den 18 Löchern des Sonoran Golf Course. Benannt nach der gleichnamigen Wüste lässt es sich erahnen, wie der Platz beschaffen ist. Auf dem Catalina Course dagegen, erscheint das Spiel einfacher. Das mag daran liegen, dass wir hier gewohnte Verhältnisse vorfinden. Der bereits 1960 eröffnete Kurs wurde im klassischen Stil mit Laubbäumen, Wasserhindernissen und Blumenrabatten angelegt. Vielleicht ist er deshalb seit 1965  immer wieder Austragungsort von PGA Tour Events . Das soll bestimmt nicht heißen, dass Profi-Spieler keine Vorliebe für Target-Golfplätze hätten. Aber wenn es um hohe Preisgelder geht, ist es sicherer, einen Ball aus einem „gewöhnlichen“ Rough zu schlagen, anstatt aus einer Kakteenwüste.

Für den Bau solch traditioneller Golfplätze gab es seit den 70er Jahren keine Genehmigung mehr. Zum einen aus Naturschutzgründen, zum anderen um den immens hohen Wasserverbrauch für solche Plätze zu reduzieren. Das Ende der gerade erblühten Golf-Ära in Arizona schien gekommen. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch! Besonders einfallsreiche Golfplatzarchitekten hatten die grandiose Idee, Abschläge und Landezonen wie grünen Oasen, mitten in die Wüste zu setzen. Dabei war es gar nicht so einfach, die künstliche Bewässerung der Rasenflächen so zu legen, dass die Kakteen davon verschont bleiben. Da diese ihren Feuchtigkeitsvorrat während der seltenen, dafür um so heftigeren Regengüsse aufsaugen, wollen sie es für den Rest des Jahres sonnig und trocken haben. Genauso wie die Golfer, die inzwischen aus aller Herren Länder nach Arizona kommen.

Um zu wenig Sonne braucht man sich hier wirklich keine Sorgen machen. Gerade Tucson rühmt sich, die meisten Sonnenstunden des Landes zu haben. 3.800 pro Jahr! Sogar im Winter liegen die Temperaturen zwischen 20 und 25 Grad, so richtig schönes Golfwetter. Allerdings ist es ratsam, für die kühlen Morgen- und Abendstunden einen dicken Pullover dabei zu haben. Das merken wir, als wir am frühen Vormittag beim Vistoso Golfclub eintreffen. Die Fairways sind noch gefroren und wir wärmen uns zuerst mal auf der Driving Range auf. Kurze Zeit später entfaltet die Sonne ihre ganze Kraft und los geht’s!

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Der von Tom Weiskopf geplante Kurs bietet herrliche Aussichten auf die Tortolita und Santa Catalina Berge. Wieder begleiten Begeisterungsrufe die Runde. Vistoso gilt als einer der schönsten Plätze von Arizona und von jedem Fairway aus könnte man die reinsten „Postkarten“-Fotos schießen. Ganz besonders wenn die Sonne unter geht und die umliegenden Berge in Feuerrot und Orange taucht, bis schließlich rosa und zartlila Schatten sie einhüllen. Danach wird es schlagartig dunkel und kalt. Kein Problem für uns. Am Abend werden wir irgendwo vor einem Kaminfeuer sitzen, mexikanisches Bier und Tequila trinken und dazu die saftigsten Steaks von Arizona essen.

Am nächsten Tag ist ein Turnier beim Raven Golf Club at Sabino Springs geplant. Blank geputzte Golfcarts, bepackt mit eisgekühlten Getränken und Handtüchern stehen in Reih und Glied wie Kadetten auf einem Exerzierplatz. Bunte Fahnen wehen im Wind. Alles ist professionell organisiert. Der Raven Golf Club ist ein Meisterstück seines Designers Robert Trent Jones, Jr. und bietet eines der abwechslungsreichsten Golf-Erlebnisse im Südwesten. Manche Abschläge liegen so hoch wie Aussichtsplattformen und eröffnen weite Panoramen hinunter zur Großstadt. Auch hier gilt es oft zuerst ein Stück Wüste zu überwinden, das mit dornigem Gestrüpp und gigantischen Kakteen nur darauf wartet, Golbälle zu „schlucken“. Wenn es an einigen Stellen gar zu unübersichtlich wird, wartet ein erprobter „Scout“ um den geschlagenen Ball zu sichten. Auch das gehört zum typisch amerikanischen „great service“!